Presse

Bundesärztekammer, IT Kompakt, Nr. 8, November 2006, Seite 4-5

Telegesundheitsschwester AGnES

Telemedizinische Projekte in den Regionen

In vielen Regionen versuchen Ärztinnen und Ärzte, mit telemedizinischen Projekten die Versorgung der Patienten zu verbessern. Auf der ersten Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin in Berlin wurden einige dieser Projekte vorgestellt.

Im August 2005 ist unter anderem in Mecklenburg-Vorpommern das Projekt AGnES (Arzt-entlastende, Gemeinde-nahe, E-Health gestützte, Systemische Intervention) angelaufen, das sich namentlich an der "Schwester Agnes", einer beliebten Krankenschwester aus dem DDR-Fernsehen, orientiert. Der Leiter des Projektes, Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann von der Universität Greifswald erklärte, bei diesem Projekt werde eine so genannte Telegesundheitsschwester beispielsweise in einer Hausarztpraxis auf Rügen "als verlängerter Arm des Arztes" eingesetzt. Zu ihren Aufgaben gehöre es, die Patienten zu besuchen, um sie unter anderem bei der Nutzung von Telecare-Geräten zu betreuen oder eine audiovisuelle Datenübertragung im Bereich der Telemedizin zu entwickeln. Bei ihren Besuchen trägt die Schwester einen Tablet-PC bei sich, mit dem sie die Akte des Patienten ergänzt. Die erhobenen Daten werden täglich in verschlüsselter und pseudonymisierter Form in das zuständige Institut verschickt. Die Telegesundheitsschwester überprüft zudem den Gesundheitszustand der Patienten und befragt sie nach ihrer Lebensqualität oder ihrer Mobilität. Hintergrund des AGnES-Projektes ist die demografische Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern und der Ärztemangel in den ländlichen Gebieten. Die Beurteilung der Telegesundheitsschwester durch die Patienten fiel laut Hoffmann durchgehend positiv aus. So gaben 40 von 43 Patienten an, es sei für sie vorstellbar, zu einer Telegesundheitsschwester ein vergleichbares Vertrauensverhältnis aufzubauen wie zu ihrem Hausarzt. 38 von 43 Patienten konnten sich zudem vorstellen, dass eine Telegesundheitsschwester Routinebesuche sowie spezielle Themen wie Prävention oder Telemedizin übernimmt und der Hausarzt nur bei medizinischem Bedarf hinzugezogen wird. In seinem Fazit erklärte Hoffmann, Telecare sei in der hausärztlichen Praxis grundsätzlich machbar und werde von den Ärzten und Patienten gleichermaßen angenommen. Voraussetzung dafür müsste jedoch eine einfache, sichere und altersgerechte Handhabung der telemedizinischen Geräte sein.

Ebenfalls auf der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin berichtete Dr. Heinrich Audebert vom Krankenhaus München Harlaching über den aktuellen Stand des Telemedizinischen Projektes zur integrierten Schlaganfallversorgung in der Region Süd-Ost-Bayern (TEMPiS). Bei dem 2003 gegründeten Projekt sind 14 Kliniken des Freistaates mit den Schlaganfallzentren in München und Regensburg über Datenleitungen verbunden, die Live-Videokonferenzen sowie das Übermitteln von Kernspin- und Computertomographien ermöglichen. Bei einem Notfall können die Schlaganfall-Experten in kürzester Zeit eine Diagnose stellen und den Fall mit den Ärzten vor Ort diskutieren. In den Kooperationskliniken finden zudem regelmäßig Kurse und Hospitationen statt. Seit 2003 wurden im Rahmen von TEMPiS über 9.000 Telekonsile bei mehr als 8.000 Patienten durchgeführt. Mehr als 450 Patienten mit Hirninfarkten erhielten daraufhin eine medikamentöse Gerinnselauflösung. Das entspricht einer Verzehnfachung der zuvor erreichten Lyserate.

Effektive Telemedizin

In einer Pilotstudie im Bereich Ost-Westfalen sind Ärztinnen und Ärzte der Frage nachgegangen, ob eine Telemedizin-basierte Rehabilitation als Alternative für eine teure stationäre Rehabilitation in Frage kommt. An der Studie nahmen 170 Patienten teil, die über einen Zeitraum von drei Monaten nach einer Herzoperation beobachtet wurden. Die Patienten absolvierten dabei ein individuelles Trainingsprogramm mit einem telemedizinisch kontrollierten Fahrradergometer. Die Forscher stellten fest, dass die telemedizinisch betreuten Patienten in den Bereichen körperliche Fitness, Lebensqualität und niedrige Komplikationen durchgehend gute Werte aufwiesen. So gab es bei diesen Patienten beispielsweise weniger Fälle einer Angina Pectoris. Die Gesamtkosten für die Behandlung lagen mit 992 Euro um 58 Prozent niedriger als bei den stationär betreuten Patienten. Als Ergebnis der Studie stellten die Forscher fest, dass eine telemedizinisch betreute Rehabilitation nach einer Herzoperation effektiver ist als eine stationäre.

Auszeichnung für Glaukom-Projekt

Den diesjährigen Richard-Merten-Preis erhält ein telemedizinisches Homemonitoring-Projekt für Glaukom-Patienten. Ein interdisziplinäres Forscherteam vom Augenklinikum der Universität Greifswald wurde mit dem 10.000 Euro dotierten Preis für ihre Arbeit "Teletonometrie in Mecklenburg-Vorpommern - Optimiertes Glaukom-Management durch telemedizinisches Homemonitoring mit Internet-basierter Dokumentation" ausgezeichnet.

Etwa 160 Patienten nehmen an der Studie teil. Mehrmals am Tag ermitteln sie mit speziellen Messgeräten zu Hause ihren Blut- und Augendruck. Die Messwerte werden über ein Telefonmodem in eine webbasierte elektronische Patientenakte eingetragen, wo sie den behandelnden Ärzten sofort zur Verfügung stehen. Durch die elektronische Übermittlung der Daten müssen die Patienten, die zum Teil mehrere Stunden von der Klinik entfernt wohnen, das Krankenhaus seltener aufsuchen. Ein genaueres Bild des Krankheitsverlaufes ergibt sich zudem dadurch, dass die Patienten wesentlich häufiger Messungen durchführen können. Behandlung und Medikation können auf diese Weise exakter auf den Patienten abgestimmt werden. "Das System ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass durch den Einsatz von IT eine Verbesserung der interdisziplinären Zusammenarbeit erreicht werden kann, die sich positiv auf die Behandlungsqualität auswirkt", erklärte die Stiftung. Mit dem Richard-Merten-Preis werden herausragende Arbeiten zur Qualitätssicherung im Gesundheitswesen prämiert.

www.liebertonline.com, www.it-science-center.de, www.tempis.de, www.richard-merten-preis.de