Presse

WESTFALENPOST, Nr. 110, 12.05.2007

Lebensrettung mit der Fernbedienung

Hoffnung für Schlaganfall-Patienten - Eine Superklinik mit 10 745 Vollzeit-Mitarbeitern, 3240 Betten und 1 Milliarde Euro Umsatz

Von Bodo Zapp

Berlin.
Die Hauptstadt ist Spitze - davon sollten sich Journalisten führender Regionalzeitungen auf Einladung des Abgeordnetenhauses und der „Werkstatt Deutschland” überzeugen. Bei Berlins zweitgrößtem Arbeitgeber nach der Bahn, der Charite, trifft diese Einschätzung uneingeschränkt zu.

„Können Sie mal den rechten Arm heben?” „Gut, und jetzt den linken”: Prof. Dr. Matthias Endres, Oberarzt der Neurologischen Intensivstation, untersucht einen Patienten, bei dem Verdacht auf Schlaganfall besteht. Auch eine Pupillen- Diagnose gehört dazu. Doch hier geht es nicht um medizinische Routine, denn der Patient liegt viele Kilometer entfernt im Rettungswagen der Berliner Feuerwehr.
Im Schlaganfall-Zentrum des großen Bettenhauses wird exklusiv für die WESTFALENPOST zum ersten Male das Projekt „StrokeNet” mit allen Beteiligten getestet. Auf der Bildschirmwand sind alle Stationen gleichzeitig zu sehen und zu hören: Der Rettungswagen mit den Kameras, die Intensivstation mit den ärztlichen Spezialisten, die kooperierende Klinik Weißensee. Ginge es bei dem Test-Patienten wirklich um jede Minute, könnten sofort alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet werden: Verschiebung von Routine-Operationen, Konzentration auf den Überlebensfall. An Stelle der sonst üblichen Testpuppe Ernie (von Ernie und Bert aus der Sesamstraße) liegt jetzt ein Sanitäter auf der Trage, und dem geht es gut.
3,2 Millionen Euro kostet das mit EU-Mitteln geförderte Lebensrettungs-Projekt, bei dem Ärzte und medizinische Industrie eng zusammenarbeiten. Bei erfolgreichem Praxistest ab Herbst dieses Jahres könnte Telemedizin auch in anderen Städten die Chancen der Betroffenen verbessern. Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache.
Im Wettlauf mit der Zeit wird über das Überleben entschieden, bei Schlaganfall ist Sofortbehandlung entscheidend. Auch Kliniken, die für schwere Fälle nicht optimal eingerichtet sind, können als Mitglied des Telemedizin-Netzwerks vom Wissen der Spezialisten profitieren. So „behandelt” Professor Endres nach dem Feuerwehrmann einen älteren Herrn in der Park-Klinik Weißensee und unterstützt den Arzt vor Ort bei der Akut-Diagnose. Noch gibt es Kinderkrankheiten mit der Technik - ausgerechnet bei der Demonstration haperte es mit dem Ton - , am Erfolg zweifelt jedoch niemand.
Neue Entwicklungen wie diese sind wegen der späteren Zusatzeinnahmen lebensnotwendig für eine Universitätsmedizin von Industrie-Ausmaßen. An vier Standorten in Berlin arbeiten insgesamt 10 745 Vollzeit-Mitarbeiter, davon 3000 Ärzte und Naturwissenschaftler. In den 3240 Betten lagen im letzten Jahr 117 401 Patienten. Mit ambulanter Behandlung kommt man auf 613 400 Personen, die hier Heilung suchten.
Berlin-Besucher kennen vor allem die Charite in Nähe des Hauptbahnhofs. Es ist ein ganzer Stadtteil, überragt vom Bettenhochhaus. Im Besprechungsraum neben dem Zimmer, wo einst Professor Sauerbruch saß, gibt Dr. Rolf Zettl beeindruckende Zahlen-Einblicke: Über eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr, 128 Kliniken und Institute, Kooperation mit allen Top-Ten der Pharmaindustrie. „Die große Fallzahl und die exzellenten Wissenschaftler in unserer Universitätsmedizin machen uns zu einem bevorzugten Partner”, sagt der Leiter des Bereichs Strategische Unternehmensentwicklung. Dass die größte Uniklinik in Europa mit 7698 Studenten durch „Mordschwester Irene” in die negativen Schlagzeilen geriet, ist für die Mediziner ein Albtraum. Denn der Ruf des Hauses ist auch Einnahme-Kapital. Zehn Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft sind hier angesiedelt. Erfolge in der innovativen Partikeltherapie (gesundes Gewebe wird bei der Tumor-Bestrahlung geschont) gehen richtig ins Geld: Allein dieses Zentrum soll 160 Millionen Euro kosten. Die Berliner Forschung wird hoch geschätzt: Wer an der Charite arbeitet, hat beste Aufstiegschancen zu Chefetagen in aller Welt.
Führend bei der Anzahl von Patenten, erfolgreiche Gründungen börsennotierter Firmen durch Charite-Mediziner: Diese Klinik ist mit anderen kaum vergleichbar. Natürlich bereitet die Gesundheitsreform auch hier Kopfschmerzen. Fallpauschalen vertragen sich nicht mit der Spitzenmedizin, sagt Dr. Zettl. Umso wichtiger ist es, zusätzliche Gelder hereinzuholen. Durch die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie, durch Fördergelder, aber auch durch besonders zahlungskräftige Patienten. Einige Zimmer sind nach Mekka ausgerichtet.
„Wir müssen rationalisieren, nicht rationieren” - das ist die Linie des Hauses. Wobei betont wird, dass eines immer obenan steht: Der Mensch muss im Mittelpunkt bleiben. Gerade bei einem Großunternehmen, das die Barmherzigkeit („Charite”) im Namen führt. 83 Prozent der Patientenkommenübrigens aus Berlin, 11,5 % aus Brandenburg, nur 5,3%ausdemRest der Republik und dem Ausland.
In der Intensivstation der Neurologischen Klinik der Charite sind die Ärzte per Telemedizin mit dem Rettungswagen verbunden. Sie können den Schlaganfall-Patienten fern-untersuchen und für die notwendioge Erstbehandlung sofort alle Vorbereitungen treffen. Diese - teure - lebensrettende Neuerung könnte schon bald in ganz Deutschland eingeführt werden.

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