Presse

Management & Krankenhaus 12/2008, Seite 04

Telemedizin „auf dem Weg zur Regelversorgung“
Fachkongress als Forum für erfolgreiche Anwendungen

Im Mittelpunkt des 3. Fachkongresses der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DG Telemed) in Berlin standen Telekonsultationen in der Radiologie und Neurologie, Telemonitoring, die elektronische Patientenakte und Ärzteportale. Dabei wurde von telemedizinischen Netzwerken berichtet, die durch ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis die Krankenkassen zur Übernahme in die Regelversorgung überzeugt haben. Auf dem Kongress wurde auch der Karl Storz Innovationspreis Telemedizin verliehen.
In der Telemedizin haben die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern auf verschiedenen Gebieten eine Vorreiterrolle. In Bayern werden Telemedizin-Projekte seit 1995 vom Ministerium gefördert; das bekannteste Pilotprojekt Tempis konnte schon ab Januar 2006 in die Regelversorgung überführt werden. Bei diesem regionalen Netzwerk, das durch Telekonsultationen die schnelle Schlaganfallversorgung sicherstellt, wollten weit mehr Kliniken teilnehmen als es schließlich möglich war. Die Krankenkassen schreckten vor höheren Kosten zurück.

Schlaganfall-Versorgung

Dabei ist die medizinische Erkenntnis inzwischen fast schon Allgemeingut, dass eine Thrombolyse-Behandlung im knappen Zeitfenster von drei Stunden Todesfälle (Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache) und Invalidität nach einem Schlaganfall vermeidet. Bislang können allerdings nur 25 % der Schlaganfälle durch eine Thrombolyse versorgt werden. Durch Telekonferenzen können – anhand standardisierter Checklisten und übermittelter Aufnahmen aus der Computertomographie – Neurologen eines Schwerpunktkrankenhauses mit Ärzten vor Ort die Entscheidungen absprechen. Ähnliche telekonsiliarische Netzwerke gibt es jetzt u.a. auch in Nordbayern (Steno-Netz), in Thüringen beim Uniklinikum Jena und am Unfallkrankenhaus Berlin (Teneko – Softwareunterstützte klinische Untersuchung beim akuten Schlaganfall). Das Konzept StrokeAngel der Neurologischen Klinik Bad Neustadt/Saale konnte durch die Organisation eines Rettungsdienstes und die Ausstattung der Rettungsfahrzeuge mit mobilen Eingabegeräten die Thrombolyse-Behandlung von Schlaganfällen in der Rhön-Region deutlich erhöhen und so auch die Belegung der Klinik steigern.

Teleradiologie

Als die verbreitetste und erfolgreichste telemedizinische Anwendung kann inzwischen die Teleradiologie angesehen werden. Kleinere Krankenhäuser, vor allem in privaten Ketten wie Rhön-Kliniken, Asklepios und Helios, arbeiten nach dem Portalklinik-Konzept. Dabei werden die CT-Bilddaten im Aufnahme-Krankenhaus erhoben und an Radiologen mit spezifischem Erfahrungswissen zur Begutachtung gesendet. Telemonitoring Bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz, auch Patienten, denen ein Herzschrittmacher oder ein Cardioverter-Defibrillator implantiert wurde, sind die Vorteile von Telemonitoring inzwischen eindeutig belegt. Werden die Nachkontrollen per Home-Telemonitoring vorgenommen, sind gegenüber den bisher üblichen stationären Nachuntersuchungen eine Reduzierung der Sterblichkeit um 20 % und eine deutliche Verkürzung der Verweildauer möglich. Studien hatten eine Reduzierung der Liegezeit durch die kardiologische Fernüberwachung um 70 % zum Ergebnis. Eine spezifische Form für diese telemedizinische Anwendung konnte auf dem Kongress mit der Anbindung der Klinik für Kinderkardiologie im Deutschen Herzzentrum München für die Nachbehandlung vorgestellt werden. Weil sich Telemonitoring positiv auf die Compliance des Patienten auswirkt, hat es sich auch in der Rehabilitation bewährt.

AGnES und „Klinik-AGnES“

2004 wurde AGnES (Arztentlastende, Gemeinde-nahe, E-Healthgestützte, Systemische Intervention) vom Institut für Community Medicine der Universität Greifswald entwickelt und durch die Unterstützung des Ministerium für Soziales und Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern seit August 2005 (zunächst als Projekt auf der Insel Rügen) realisiert (sh. auch unsere November-Ausgabe). Inzwischen ist es zur Entlastung der Hausärzte in einem Flächenland mit starkem Bevölkerungsrückgang und einem hohen Anteil alter Menschen seit Juli 2006 auch in Brandenburg erfolgreich. In Sachsen wird ein ähnliches Konzept geplant. Die beteiligten Hausärzte sind im Gegensatz zu ihren Verbandsvertretern sehr zufrieden mit diesem Versorgungsmodell, das entlastet und die Compliance der Patienten deutlich verbessert. 1500 Patienten werden z. Z. von den AgnESSchwestern versorgt. Telemedizinische Anwendungen gab es in ca. 150 Fällen. Meist kamen Telecare-Geräte wie Sturzmelder zur Anwendung. Videokonferenzen waren nur in 1 % der Hausbesuche erforderlich. In einer Weiterentwicklung zu einer Art „Klinik-AGnES“ werden jetzt Kliniken und niedergelassene Ärzte mit chronisch Kranken und pallativ zu versorgenden Patienten zu einem Telecare-System verbunden. Auch hier werden Hausbesuche durch Schwestern und Alarmsysteme im Mittelpunkt stehen.

Preisverleihung

Der diesjährige Karl Storz Innovationspreis Telemedizin ging an das Diabetes-Gesundheitsnetzwerk mit telemedizinischer Informations- und Kommunikationsplattform (TeleDiab). Das Netzwerk wurde auf Initiative des Instituts für Diabetes „Karl Katsch“ in Karlsburg/Mecklenburg-Vorpommern durch die Projektgemeinschaft TeleDiab konzipiert und in der Betreuungspraxis als Kompensationsalternative erfolgreich realisiert. Die ersten Ergebnisse aus der Routineanwendung bestätigen das hohe Potential dieses telemedizinisch gestützten Betreuungsnetzwerkes zur effizienten und nachhaltigen Verbesserung der Diabetikerversorgung bei gleichzeitig sinkenden Betreuungskosten.