Presse

Berliner Zeitung, 29.01.2009

Doktor aus der Datenleitung

Wie Patienten auf dem Lande von der Expertise Berliner Fachärzte profitieren

Nadine Michel

Im Notfall zählt jede Sekunde: Wenn ein Patient einen Schlaganfall erleidet, sollte sofort gehandelt werden. Doch der Weg zu einer Klinik in der nächstgrößeren Stadt ist häufig lang. Und in ländlichen Regionen sind Krankenhäuser oft nicht dafür ausgestattet, Schlaganfallpatienten optimal zu versorgen. Vielfach fehlen die Fachkräfte. Und die Behandlungsmöglichkeiten enden meist bei einer Computertomografie, um eine Hirnblutung auszuschließen. Weitere Maßnahmen erforderten bisher meist eine Verlegung des Patienten.

Doch es gibt einen noch recht jungen Ansatz, um dieses Problem zu lösen: die Telemedizin, die eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Kliniken ermöglicht. Über DSL-Verbindungen tauschen die Krankenhäuser Daten aus, beraten sich gegenseitig oder schalten sich per Videokamera direkt an das Krankenbett des Patienten. "Dank der Telemedizin können wir den Kollegen vor Ort Hilfestellung geben und so die Akutsituation verbessern", sagt Ingo Schmehl, Direktor der Klinik für Neurologie am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB).

Auf dem Monitor vor sich sieht Schmehl einen Schlaganfallpatienten im Krankenhaus in Templin. Über den Bildschirm redet der Experte live mit dem Patienten und dem Arzt vor Ort, prüft mithilfe einer ferngesteuerten Kamera die Bewegungsabläufe des Patienten und macht sich so ein Bild von dessen Gesundheitszustand. Außerdem übermitteln Computer alle wichtigen Daten, wie Laborwerte, Medikation und Vorerkrankungen des Patienten. "Per Videokonferenz diagnostiziere ich als Neurologe die Symptome und Ursachen des Schlaganfalls und gebe meinem Kollegen vor Ort einen Fahrplan für die weitere Behandlung", sagt Schmehl.

Die Kooperation zwischen dem UKB und der Templiner Klinik besteht seit März vergangenen Jahres. Bereits seit 2004 arbeiten die beiden Häuser auf dem Gebiet der Teleradiologie zusammen. Das Templiner Krankenhaus versendet über eine DSL-Verbindung beispielsweise computertomografische Bilder, so dass sich nur wenige Sekunden später ein Spezialist in Berlin die Aufnahmen ansehen und auswerten kann. Die Datensicherheit garantiert ein sogenannter VPN-Tunnel, ein virtuelles privates Netzwerk, über das die Daten verschlüsselt verschickt werden.

Das größte Problem, das mithilfe der Telemedizin behoben werden kann, ist das Fehlen von ärztlichem Fachpersonal in ländlichen Regionen. "Viele Kliniken haben offene Stellen, können diese aber nicht besetzen", sagt Sven Mutze, der Direktor des Instituts für Radiologie am UKB. Zwar sei ein Radiologe vor Ort noch immer am besten: "Aber lieber eine telemedizinische als gar keine Versorgung."

Während das UKB im Bereich der Teleneurologie bisher nur mit dem Krankenhaus Templin zusammenarbeitet, sind es auf dem Gebiet der Teleradiologie bereits zehn Kliniken in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt, mit denen das UKB kooperiert. Seit der ersten Zusammenarbeit mit Templin ist die Zahl der Einsätze stetig gestiegen. Im Jahr 2005 versorgte das Krankenhaus schon mehr als zehntausend Patienten aus anderen Kliniken; heute sind es rund viermal so viele. Und der Trend hält an: Das Klinikum Güstrow zum Beispiel will seinem Verwaltungsdirektor Matthias Fischer zufolge vom kommenden Sommer an von der Expertise der Berliner Ärzte profitieren.

Die Patienten beurteilen die neuen Behandlungsmöglichkeiten in der Regel positiv. Diese Erfahrung hat zumindest Heinrich Audebert gemacht. Er leitete von 2003 bis 2005 ein Pilotprojekt zur Teleneurologie in Südbayern und arbeitet heute als Privatdozent an der Klinik für Neurologie der Berliner Charité. "Anfangs haben wir befürchtet, dass die Patienten die Behandlung als unpersönlich empfinden könnten", sagt Audebert. "Letztlich war die Akzeptanz aber sehr hoch." Die meisten Patienten hätten das Gefühl, von der Hightech-Entwicklung zu profitieren und sehen in der zusätzlichen Beratung eine große Bereicherung.

Gerade die Region Berlin-Brandenburg bietet einen entscheidenden Vorteil, um die Telemedizin weiter voranzutreiben. "Auf der einen Seite sind im Stadtbereich Berlin alle medizinischen Disziplinen in hoher Konzentration vorhanden", sagt Wolfgang Loos, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. "Auf der anderen Seite ist Brandenburg ein Flächenland. Das sind beste Voraussetzungen, um telemedizinische Neuheiten zu testen und Kooperationen aufzubauen."

Gerade deshalb aber gehen Loos die Anstrengungen in Berlin und Brandenburg noch nicht weit genug. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern haben die beiden Landesregierungen noch nicht signalisiert, entsprechende Konzepte auch zu finanzieren, sagt er.

Der Charité-Mediziner Audebert, der in Bayern ein telemedizinisches Netzwerk aus 17 Kliniken mit mehr als dreitausend Fernberatungen im Jahr aufgebaut hat, sieht das ähnlich. Die telemedizinische Versorgung habe in Berlin-Brandenburg noch nicht den Stand erreicht, den sie in anderen Bundesländern und international aufweise: "Es gibt bereits kleine Vernetzungsinseln, aber noch keine richtig großen Netzwerke."

Ein Aktionsbündnis für Telemedizin soll das künftig ändern. "Wir wünschen uns, dass in einem solchen Bündnis alle Beteiligten - also auch die Landesregierungen, die Krankenhäuser und die Krankenkassen - zusammenkommen und überlegen, welche Projekte und Kooperationen man fördern möchte", sagt Wolfgang Loos. Zumindest die Landesregierungen haben schon ihre Bereitschaft zu dem Bündnis mitgeteilt. Loos: "In wenigen Wochen wissen wir mehr."

Artikel der Berliner Zeitung: www.berlinonline.de/berliner-zeitung/.../wissenschaft/