Presse

E-HEALTH-COM 05/2010, Seite 48-50, COMMUNITY | DEBATTE

Braucht Deutschland ein Bundesinstitut für Gesundheitstelematik?

Ein Bundesinstitut für Gesundheitstelematik könnte Besserung für die angeschlagene Telematik in Deutschland bringen ("Patient Telematik", 4/2010).

Den Ruf nach einem Bundesinstitut für Gesundheitstelematik mit den von Dr. Goetz und Prof. Haas beschriebenen Kompetenzen und Aufgaben kann ich nur unterstützen. In der Tat würde eine staatliche Sicht auf die Entwicklung der informations- und kommunikationstechnologischen Versorgung des deutschen Gesundheitssystems vieles leichter machen, weitere Millionengräber vermeiden und wenn auch spät, so doch endlich für eine klare Linie sorgen. Sprich, es würde viel Versäumtes nachgeholt werden können.

Der Mitte der 90er Jahre mal zaghaft unternommene Versuch der Etablierung einer staatlichen Koordinierung sollte besser später als nie in die Tat umgesetzt werden. Vermutlich waren es seinerzeit die Zweifel an den positiven (insbesondere ökonomischen) Effekten einer Telemedizin oder telematischen Unterstützung des Gesundheitswesens, die das staatliche Nicht-Engagement im Nachhinein rechtfertigten. Später dann, als genau diese Effekte in ersten gesundheitsökonomischen Studien nachgewiesen wurden,war es wohl die Hoffnung an die Selbstregulierung. Dass also diejenigen, die beispielsweise die größten Kosten-Einsparungen für sich verbuchen konnten, an einer solchen Aufgabe ein berechtigtes Interesse haben können. Doch auch daraus wurde nicht viel.

Das Ergebnis liegt auf dem Tisch. Nun bedarf es schon einer - wie unlängst vom Institut für Arbeit und Technik vorgelegten - Telemedizin- Landkarte, damit wir uns orientieren können und zwischen den vielen Inseln nicht auf Grund laufen, statt einfach davon ausgehen zu können, dass an allen entsprechenden Stellen ganz selbstverständlich die jeweiligen telemedizinischen und telematischen Anwendungen miteinander funktionieren. Oder es müssen Schlichter eingesetzt werden, um zwischen Telemedizin- Akteuren zu vermitteln und weitere faule Kompromisslösungen zu generieren, statt von Beginn an alle Akteure an einer einheitlichen Linie auszurichten und sie gegebenenfalls dabei zu unterstützen.

Wie viele Millionen sollen noch verbrannt werden? Die vor dem Gesundheitssystem stehenden Aufgaben sind immens. Wo ist ihr politischer Gestaltungswille? Eine solch unheilbare Krankheit hat der Patient Telematik gar nicht. Es bedarf wie so oft nur der Orientierung.

PROF. DR. HEIKO BURCHERT
Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit, FH Bielefeld


Wir begrüßen die scharfsinnige Analyse der gegenwärtigen Situation der Telemedizin in Deutschland durch Dr. Götz und Prof. Dr. Haas - allerdings haben wir Zweifel, ob mit einem Bundesinstitut für Gesundheitstelematik der Durchbruch zu einer flächendeckenden Anwendung von sinnvoller Telemedizin in der Regelversorgung gelingt. Unsere Skepsis hängt auch damit zusammen, dass wir den Gesundheitssektor für überreguliert und -institutionalisiert halten: Sind die Partner - imWesentlichen Kostenträger und Leistungserbringer - nicht in der Lage, gemeinsam ein Problem zu lösen, wird ein Bundesinstitut oder -Ausschuss gegründet. Stattdessen plädieren wir dafür, dass die wichtigen Akteure die richtigen Anreize für eine flächendeckende Anwendung von Telemedizin setzen - ein Bundesinstitut wird dazu nur beschränkt in der Lage sein. Dazu zwei Beispiele:

1. Schwester AGnES hat sich bewährt. Der Bundesgesetzgeber hat Krankenkassen und Leistungserbringer gesetzlich verpflichtet, sich auf die Bedingungen einer flächendeckenden Einführung zu verständigen. Herausgekommen ist eine Regelung zur Verhinderung von Schwester AGnES: Der EBM 40870 mit 17 Euro einschließlich Wegepauschale deckt nicht ansatzweise die kalkulierten Kosten von knapp 22 Euro zuzüglich Wegepauschale. Man kann nur jedem Hausarzt empfehlen, sich nicht auf Schwester AGNeS einzulassen. Die Delegationsvereinbarung zwischen Krankenkassen und Kassenärztlicher Vereinigung spiegelt im übrigen eher die Ängste der Vertragspartnerwider statt Schwester AGNeS konstruktiv umzusetzen.

2. Nur mit Fördermitteln hat die bayerische Landesregierung zur Verbesserung der Versorgung von Schlaganfallversorgung im Projekt „TEMPiS“ 15 Krankenhäuser ohne Stroke Unit mit den Universitätskrankenhäusern München und Regensburg erfolgreich vernetzen können. Helios mit Neuro-Net hat letztlich dasselbe ohne Fördermittel umgesetzt, weil es unternehmensstrategisch Sinn macht, im Interesse der Qualität der Patientenversorgung Telemedizin einzusetzen und damit Patienten zu gewinnen bzw. an sich zu binden. Hier wird aus einer Hand agiert, während bei „TEMPiS“ mehr als 15 Akteure mit unterschiedlichen Interessen nur mithilfe von Fördermitteln kooperieren.

Wir sehen zunächst eine politische Verantwortung bei Bund und Ländern. Unternehmen und Ärzte benötigen ein politisches Signal über die eCard hinaus, dass Chancen und Potenziale von Telemedizin erkannt sind und gefördert werden. Politik und Selbstverwaltung sind gefragt, Voraussetzungen für die Finanzierung telemedizinischer Leistungen und damit Anreize für die flächendeckende Anwendung von Telemedizin zu schaffen. Die DGTelemed unterstützt daher das „Methodenpapier zur Innovationsfinanzierung in Deutschland“ des VDE. Für die Anerkennung von Standards und für Datenschutz in der Telemedizin ist das Bundesamt für Sicherheit (BSI) kompetent. Die Gründung eines weiteren Bundesamtes kann aus unserer Sicht die drängenden Fragen nicht in der gebotenen Zeit beantworten.

PROF. DR. HANS-JOCHEN BRAUNS
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft fürTelemedizin (DGTelemed)


Der VHitG hat das Thema bereits intensiv diskutiert. Die Feststellungen decken sich weitestgehend mit unseren, es fehlen mir persönlich aber einige wichtige:

1.Bundesweite Telematikprojekte sind primär an der mangelnden Finanzierung - wenn man so will dem „Geschäftsmodell“ - oder der Akzeptanz gescheitert und nicht an fehlender Interoperabilität.

2. Telematik ist ein zu weiter Bereich, denn dazu zählen u.a. Krankenhäuser, Praxen, Sozialbereich, Kostenträger, Pharma bis hin zu Behörden.

3. Das Institut muss den bestehendenMarkt unterstützen und darf ihn nicht einschränken.

4. Es wurden noch nicht alleMöglichkeiten zur Schaffung von Interoperabilität ausgeschöpft.

Ad 1) Die Aufgabe der Politik sollte in diesem Kontext vor allem in der Moderation und der Sicherung des Finanzierungsmodells bestehen, nicht im Aufbau von neuen Instituten.

Ad 2)Wer definiert die Aufgaben und Prioritäten? Deadlock-Situationen wie in der gematik sind zu vermeiden. Es besteht zudem die Gefahr, dass ein neues Gremium den Markt um weitere fünf Jahre lähmt,weil jeder denkt, dass das Bundesinstitut die eigenen Probleme löst. Die Beteiligten entziehen sich in dem Moment ihrer Verantwortung, obwohl gerade ihre Praxiserfahrung essentiell ist.

Ad 3) Bestehende Gremien, die sich standardübergreifend um Interoperabilität kümmern,wie DIN, DIMDI, IHE, gematik, im Zulassungsbereich existieren freie Anbieter etc., sind mit Teilaufgaben zu betrauen. Die parallel stattfindende Interoperabilitätsarbeit ist weiterhin wichtig und kann nicht durch ein einzelnes Institut ersetzt werden.

Fazit: Dies ist eine wichtige Diskussion zum richtigen Zeitpunkt. Die Regulation sollte aber wohlüberlegt sein, denn ein Institut nach dem vorgelegten Vorschlag verschiebt unsere Probleme, löst sie aber nicht. Die Einbindung der Industrie mit ihrer Expertise zur Umsetzung muss frühzeitig verankert sein. Im ersten Schritt sollten wir jedoch versuchen die Verantwortlichen an einen Tisch zu bringen, um zu klären, ob Alternativkonzepte existieren. So ist das Betrauen bestehender Gremien mit Teilaufgaben eine mögliche Variante.

ANDREAS KASSNER
Geschäftsführer im Verband der Hersteller von IT im Gesundheitswesen (VHitG)


Zunächst gebührt den Autoren, Dr. Götz und Prof. Haas, Dank, dass sie im letzten Heft von E-HEALTHCOM das Thema „Bundesinstitut für Gesundheitstelematik“ aufgegriffen haben, das schon oft am Rande der TELEMED, aber auch im Vorstand des Berufsverbandes Medizinischer Informatiker (BVMI) e.V. und der Gesellschaft für Gesundheitstelematik (DGG) e.V. diskutiert worden ist. IKT und Gesundheitstelematik in Form von eHealth-Szenarien sind die wesentlichsten technischen Voraussetzungen für integrierte Versorgungsmodelle sowohl nach den Vertragsmöglichkeiten entsprechend SGB V als auch für andere Kooperationsformen wie Leistungsallianzen, Gesundheits- und Zuweiserportale, regionale Gesundheitsnetze und nicht zuletzt für nationale Projekte wie den „Dauerbrenner“ elektronische Gesundheitskarte (eGK),Heilberufsausweis (HBA) und Telematikinfrastruktur einschließlich der sogenannten eGK-Mehrwertanwendungen.

Nur eHealth-Szenarien ermöglichen einen sektoren- und einrichtungsübergreifenden Informationsaustausch auf Basis einer elektronischen Patientenakte (ePA, eFA bzw. eGA) sowie Qualitätsmanagement, Controlling und die Abrechnung medizinisch- pflegerischer Leistungen über Sektoren- und Einrichtungsgrenzen hinweg bis hin zur Steuerung von Behandlungsprozessen und betriebswirtschaftlichen Abläufen. In diesem Zusammenhang sind Themen wie Standardisierung, Kommunikationsund Sicherheitsinfrastruktur, Klassifikations- und Ordnungssysteme sowie Interoperabilität kompetent und abgestimmt zu bearbeiten und praxisrelevante Leitlinien vorzugeben.

Dabei ist zum Beispiel Interoperabilität nicht nur technisch zu sehen, sie muss für die gesamte Wertschöpfungskette der Gesundheitswirtschaft betrachtet werden, um die Kommunikation im Gesundheitswesen leistungsfähiger, schneller, sicherer und verlässlicher zu machen. eHealth erfordert aber auch eine verlässliche Bewertung von Kosten, Nutzen und Auswirkungen im Vorfeld und nach Einführung von eHealth-Projekten durch gesicherte Outcome-Betrachtungen (medizinisch, gesellschaftlich und volkswirtschaftlich) sowie Konsens aller Beteiligten und ein konsequentes Qualitäts- und Akzeptanzmanagement in allen Projektphasen.

Zielsetzung aller eHealth-Strategien muss letztendlich sein, das Gesundheitswesen so zu revolutionieren und den erforderlichen Strukturwandel so zu unterstützen, dass daraus für Patienten, Leistungserbringer und Solidargemeinschaft ein (messbarer) Nutzen resultiert. Ein Bundesinstitut für Gesundheitstelematik kann hierzu einen wertvollen Beitrag leisten,wenn seine Mission eindeutig definiert wird sowie Kompetenzen und Zuständigkeiten klar geregelt sind. Funktionierende Vorbilder dafür gibt es genügend sowohl in Europa als auch in den USA zum Beispiel dem NITAAC (National Institutes of Health Information Technology Acquisition and Assessment Center), das für das Nationwide Health Information Network (NHIN) eng mit dem ONC (Office of the National Coordinator for Health IT), der CCHIT (Certification Commission for Health Information Technology) sowie IHE und anderen Verbänden zusammenarbeitet.

PD. DR. GÜNTER STEYER
1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitstelematik - Forum für eHealth und Ambient Assisted Living (DGG)


Bisherige Lösungen sind noch verbesserungsfähig
Klinikweite Installationen von digitaler Spracherkennung werden auch im deutschsprachigen Raum immer häufiger („Reden mit dem KIS“, 3/2010).

Aus meiner Sicht ist die digitale Spracherkennung ein sehr wertvoller und längst flächendeckend überfälliger Baustein in der schnellen und gründlichen Verarbeitung von Routine- und Regel-Dokumenten im Krankenhaus. Es ergibt sich hierbei allerdings ein Problem der praktischen Bedienung: In aller Regel sollen Arztbriefe schnell und fehlerfrei geschrieben und daraufhin freigegeben werden. Nimmt man aber andere Dokumenttypen her, so zum Beispiel gutachterliche Texte, die je nach „Sprach- und Sprechgewalt“ des Diktierenden 20 bis 30 Seiten (DIN-A4) lang sind und circa 30 Minuten reine Diktatzeit enthalten, kommt es sehr auf die genaue Aussprache und wiederkehrende Wortwahl des Diktierenden an. Bei schnellem, routiniertem Sprechen und insbesondere im Kontext der Notwendigkeit, immer wieder neue, nicht „mentalen Textbausteinen“ entsprechende Texte zu diktieren, ist die Nachbearbeitungszeit auch für den Routinierten und Geübten nicht unbeträchtlich.

Durch den Shift in der technischen Verfahrensweise der digitalen Sprachverarbeitung ist in den letzten zehn Jahren eine signifikante Verbesserung deren Leistungsfähigkeit und insbesondere auch Schnelligkeit eingetreten. Dennoch darf der Aufwand, ein System auf den eigenen Diktierusus in Abhängigkeit von der jeweiligen Diktieraufgabe optimal einzustellen, nicht unterschätzt werden.

Geht es also wie beschrieben wie im Gutachtenwesen nach der Formel „Zeit ist Geld“, sind die bisherigen Lösungen nach Untersuchungen unserer Firma in mehreren klinischen Settings hinsichtlich des vorgenannten Aufwandes noch verbesserungsfähig.

DR. MARKUS MOHR
ist CEO der ManaThea GmbH