Presse

E-HEALTH-COM 02/2012, Seite 45

EIN PLÄDOYER FÜR TELEMEDIZIN

Hohe Reserven bei den Krankenkassen: Das bietet Möglichkeiten zur Investition in nachhaltig wirkende telemedizinische Anwendungen.

Gegenwärtig verfügt derGesundheitsfonds, in dem die Beiträge der Versicherten und die festgesetzten Steuerzuschüsse des Bundes gesammeltwerden, über einen Überschuss von 8,6 Milliarden Euro. Als Gründe dafür werden die gute Konjunktur und Einsparungen bei den Arzneimittelausgaben genannt. Zusammen mit Rücklagen und Vermögen der Kassen sollen sich Reserven von 16 Milliarden Euro angesammelt haben.

Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin empfiehlt durch Investitionen in die medizinische Infrastruktur und Telemedizin Effizienz und Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland nachhaltig zu steigern. Im November 2010 wurden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie „Partnership for the Heart“ vorgestellt. An der von der Berliner Charité koordinierten Studie nahmen 710 Patienten teil, die entweder telemedizinisch oder konventionell versorgt wurden. Die Studie zeigt, dass Telemedizin dem bestimmten Patienten mehr Sicherheit beim Leben mit einer schweren chronischen Erkrankung in der häuslichen Umgebung bietet und bei bestimmten Patientengruppen klar überlegen ist. Die Studie wurde mit acht Millionen Euro vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert - für mittelständische Unternehmen der Branche kaum aufzubringen. Die Studie hat erstmals Voraussetzungen geschaffen, um Telemedizin in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung einbringen zu können. Konkrete Ergebnisse sind allerdings noch nicht in Sicht. Deutsche medizinische Fachgesellschaften fordern zu Recht,den Nutzen telemedizinischer Anwendungen hinreichend zu erforschen, um Telemedizin auch in Leitlinien aufzunehmen. Investitionen in die Nutzenbewertung telemedizinischer Anwendungen wären ein richtiger Schritt zur flächendeckenden Einführung telemedizinischer Verfahren wie zum Beispiel Telemonitoring chronisch kranker Patienten. Das Bundesland Brandenburg hat ein landesweites Netzwerk mit circa 1,2 Millionen Euro zum Telemonitoring herzinsuffizienter Patienten auf den Weg gebracht. Bis zum Ende des Jahres 2014 hat die AOK Niedersachsen die Kooperationmit almeda GmbH aus München im Rahmen des Gesundheitsprogramms „Herzinsuffizienz“ verlängert. Den Programmerfolg bestätigen aufwendige medizinische und ökonomische Untersuchungen. Die Förderung weiterer Bundesländerwäre ein Schritt in die flächendeckendeAnwendung von Telemedizin.

Seit Januar 2011 ist Telemedizin in der Schlaganfallversorgung im Regelbetrieb angekommen. So gibt es in Sachsen inzwischen seit 2008 die Regelversorgung von Schlaganfallverletzten mit Telemedizin - eine flächendeckende bundesweite Schlaganfallversorgung auf Stroke-Unit-Niveau mit Unterstützung durch Telemedizin zu erreichen, bietet sich jetzt. Ein telemedizinisches Schlaganfallnetzwerk mit circa 15 beteiligten Kliniken, einschließlich ein bis zwei überregionaler StrokeUnits als Zentren kostet circa 500 000 Euro. Der Bedarf an Schlaganfallnetzwerken vor allem in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Schleswig-Holstein kann mit rund 50 Millionen Euro finanziert und so Effizienz und Qualität in der Schlaganfallversorgung flächendeckend verbessert werden.

Mit Inkrafttreten des Versorgungsstrukturgesetzes zum 01.01.2012 ist der Begriff Telemedizin erstmals in einem deutschen Gesetz verankert. Die Bundesregierung hat den Bewertungsausschuss verpflichtet,bis zum 31.10.2012 zu überprüfen, in welchem Umfang ambulante telemedizinische Leistungen erbracht werden können. Das von der Bundesregierung vorgegebene Ziel eine flächendeckende, wohnortnahe medizinische Versorgung zu erreichen, scheint nicht unerreichbar - vorausgesetzt es gelingt, über eine sinnvolle Verwendung der vorhandenen Kassenüberschüsse nachzudenken und sie jetzt im Interesse für mehr Effizienz und Qualität in der Gesundheitsversorgung in Deutschland einzusetzen - dazu wäre eine einmalige Investition eines niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbetrages aus den angesammelten 16 Milliarden Euro, also circa ein Prozent, erforderlich, aber auch ausreichend.

WOLFGANG LOOS, DGTelemed