Presse

E-HEALTH-COM 05/2013, Seite 54

Telemedizin in der Kinderaugenheilkunde

Die neue Generation der Produkte und Dienstleistungen in der digitalen Welt der Medizin passiert im Internet und hat keine analogen Vorfahren mehr, wie das Beispiel einer digitalen Sehschule zeigt.

In der Welt der digitalen Gesundheitsversorgung vollzieht sich gerade ein weitreichender Paradigmenwechsel. Bislang wurden Telemedizin und eHealth praktisch genutzt, um traditionelle Prozesse im Gesundheitswesen digital abzubilden. Röntgenbilder wurden nicht mehr in Tüten verpackt und mit Boten verschickt, sondern als Datenpakete versendet. Der Arztbrief landete nicht mehr in einem Briefkasten, sondern im elektronischen Postfach. Die Krankenakte wurde nicht auf den Kopierer gelegt, sondern über die elektronische Fallakte digital den Kollegen zugänglich gemacht. Die kardiologische Rehabilitation fand nicht mehr in den Räumen eines Therapiezentrums statt, sondern passierte in den eigenen vier Wänden des Patienten. eHealth machte es möglich, und die Welt der Gesundheitsversorgung wurde schneller, einfacher und im Idealfall auch wirtschaftlicher.

Trotzdem blieb eHealth weitestgehend eine optimierte Kopie der analogen Welt. Das digitale Produkt gab es stets auch in der analogen Version.

Das war gestern. Die neue Generation der Produkte und Dienstleistungen in der digitalen Welt der Medizin passiert im Internet und hat keine analogen Vorfahren mehr. Ein gutes Beispiel für einen Vorreiter dieses Paradigmenwechsels ist die Firma Caterna Vision, die als Ausgründung der Technischen Universität Dresden startete und auf der Basis intensiver Forschung eine nur über das Internet verfügbare digitale Sehschule anbietet.

Behandelt werden Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren, bei denen eine Sehschwäche (Amblyopie) vorliegt. Diese Kinder werden seit fast 100 Jahren therapiert, indem das gesunde Auge mit einem Pflaster abgeklebt wird und so das sehschwache Auge gezwungen wird, das Sehen neu zu lernen. Das funktioniert, weil es sich bei der kindlichen Amblyopie meist um eine sogenannte funktionelle Sehschwäche handelt. Das heißt, das Auge ist gesund, doch die Verarbeitung der Impulse des Sehnervs im Gehirn ist gestört – es liegt gewissermaßen eine Fehlprogrammierung vor. Was liegt da näher, als das Gehirn in der Programmiersprache anzusprechen, die es auch versteht. Und dies ist – sehr vereinfacht gesprochen – die Sprache der Bits und Bytes. Zumindest beim kindlichen Gehirn scheint es so zu funktionieren: Über durch speziell programmierte visuelle Stimulationsmuster gelingt die Verbesserung der Sehschärfe deutlich schneller. Die Caterna Sehschule stellt über eine Internetplattform spezielle Sehübungen bereit, mit denen es gelingen kann, die Behandlung von durchschnittlich
zwei Jahren auf wenige Monate zu verkürzen. Damit die Kinder Freude daran haben, ihre Augen zu trainieren, werden die konzentrischen oder streifenförmigen therapeutisch wirksamen Muster mit Computerspielen im Bildschirmvordergrund kombiniert. Die Behandlung wird ärztlich verordnet und als Medizinprodukt ausschließlich über das Internet bereitgestellt. Der Einsatz erfolgt in Kombination mit der klassischen Therapie in Arztpraxen und zu Hause, während der Behandlungsverlauf vom Augenarzt und den Orthoptistinnen online begleitet wird. Die Bereitstellungüber eine Plattform im Internet hat allerdings nicht nur den Vorteil, dass die Anwendung praktischüberall verfügbar ist, auch können Updates und Produkterweiterungen, die den Ablauf inklusive Therapieplanung, Fortschrittskontrollen und Patientenmanagement in Arztpraxen unterstützen, einfach bereitgestellt werden.

Der Autor Dr. Markus Müschenich ist Mitglied der DGTelemed und unterstützt mit „FLYING HEALTH – die Startup-Manufaktur” die Caterna Sehschule. Die Therapiemethode wird u. a. zum 4. Nationalen Fachkongress Telemedizin am 08.11.2013 in Berlin vorgestellt.
Weitere Informationen: www.caterna.de