Presse

E-HEALTH-COM 06/2013, Seite 56

TELEMEDIZIN UND HÄMOPHILIE

Telemedizin ermöglicht die ärztlich kontrollierte Heimselbstbehandlung bei Patienten mit Hämophilie und erhöht die Behandlungssicherheit für Arzt und Patient.

Für Patienten mit Hämophilie, die häufig weit entfernt von ihrem betreuenden Hämophiliezentrum wohnen, bietet Telemedizin eine hilfreiche Unterstützung bei der ärztlich kontrollierten Heimselbstbehandlung. Telemedizinische Systeme erhöhen die Behandlungssicherheit für Arzt und Patient, da die dokumentierten Daten vom Arzt zeitnah ausgewertet werden und die Behandlung im Bedarfsfall rasch angepasst werden kann. Zudem wird die Vertrauensbindung zwischen Arzt und Patient deutlich gestärkt. Die Patienten benötigen lebenslang eine intravenöse Substitution des fehlenden Gerinnungsfaktors. Die Applikation erfolgt bis zu dreimal wöchentlich. Bei ausreichender Substitution mit dem fehlenden Gerinnungsfaktor ist ein annähernd normales Leben für den Patienten möglich. In der ärztlich kontrollierten Heimselbstbehandlung verabreicht sich der Patient die Injektionen selbst, sodass sich seine Arztbesuche auf zwei- bis dreimal pro Jahr beschränken. Bei Fragen oder Notfällen kann der Arzt jedoch jederzeit telefonisch kontaktiert werden.

Vom handschriftlichen Patiententagebuch zur digitalen Dokumentation
In Deutschland schreibt das Transfusionsgesetz vor, dass jede Injektion von Gerinnungsfaktoren dokumentiert werden muss, da es in der Vergangenheit zu Infektionen aufgrund von Verunreinigungen der Präparate gekommen war. Bisher erfolgte diese Dokumentation mit Hilfe eines handschriftlich geführten Substitutionstagebuchs, wobei einige Vorgaben des Gesetzes, wie beispielsweise die unverzügliche Rückverfolgbarkeit infizierter Produkt-Chargen, jedoch nicht erfüllt werden konnten. Dies ist im Rahmen der Heimselbstbehandlung nur mit Hilfe der Telemedizin möglich. Darüber hinaus konnten nötige Therapieanpassungen oftmals nicht zeitnah erfolgen, da der Arzt das Tagebuch nur zwei- bis dreimal jährlich zur Auswertung erhielt. Einmal im Jahr erfolgte dann eine manuelleÜbertragung der Dokumentation in Excel-Tabellen. „Die Datenübertragung per Hand war sehr fehleranfällig und die Auswertung der Tabellen extrem zeitaufwendig“, erkläre Dr. Hartmut Pollmann vom Institut für Thrombophilie und Hämostaseologie und Vorsitzender des VFTH.„Mit den heutigen telemedizinischen Möglichkeiten ist eine Individualisierung der Prophylaxe und eine Verbesserung der Compliance durch eine viel engere Patientenführung möglich. Mit der Datenabfrage wird nicht der Patienten, sondern die Behandlung geprüft. Mit moderner Telemedizin besteht nun die Möglichkeit, eine spezialärztliche Versorgung auch den weiter entfernt wohnenden Patienten nahezubringen. Vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Philipps-Universität in Marburg wurde in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen aus Frankfurt am Main die Telemonitoring-Plattform smart medicationTM weiter entwickelt. Die innovative Lösung ist seit Februar 2012 im Einsatz und kann mit allen Smartphones, PCs und Tablets genutzt werden. Ein Vorläufer dieser Lösung wurde bereits 2007 mit dem Telemedizinpreis der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin ausgezeichnet.
Initiator Dr. med. Hartmut Pollmann/Münster hat inzwischen den Verein zur Förderung der Telemedizin in der Hämostaseologie VFTH e.V. gegründet. Der Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, die Forschung und Wissenschaft bei der telemedizinischen Anwendung in der Heimselbstbehandlung von Patienten mit Hämophilie zu fördern. Hierbei stehen insbesondere die Weiterentwicklung telemedizinischer Anwendungen sowie die wissenschaftliche Auswertung der mit diesen Systemen gewonnenen Daten im Fokus. Die daraus resultierenden Erkenntnisse sollen helfen, die Therapie der Patienten mit Hämophilie zu verbessern. Dr. Pollmann ist Mitglied der DGTelemed.