Presse

Health&Care Management, 1-2 2014, Seiten 52-53

Telemedizin und Ferndiagnostik - Zu viele Baustellen offen

In fast allen Fachgebieten ist die Telemedizin auf dem Vormarsch. Dennoch handelt es sich zum überwiegenden Teil um Insellösungen und Einzelprojekte, von bundesweiter Vernetzung kann keine Rede sein. Für eine Ferndiagnostik via Videokonferenz und E-Mail müssen noch etliche Voraussetzungen geschaffen werden.

Der Ausbau telemedizinischer Diagnostik soll eine der Antworten sein auf eines der drängendsten Probleme des deutschen Gesundheitswesens: dem Facharztmangel in ländlichen, strukturschwachen Gebieten. Auch bei der Versorgung und Überwachung von chronisch kranken Patienten mit z.B. Diabetes mellitus, COPD oder Herzinsuffizienz lässt sich Telemedizin in Form von Telemonitoring erfolgreich – und dabei auch kostensenkend – einsetzen.

Bislang steht der Diagnose per E-Mail oder Videozuschaltung v.a. ein Passus in der Musterberufsordnung für Ärzte im Wege. Hier heißt es in § 7 Absatz 4: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Printund Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“

In anderen Ländern ist man da schon einen Schritt, wenn nicht gar mehrere Schritte, weiter. Das Schweizer Unternehmen Medgate z.B. bewirbt auf seiner Homepage die neue Medgate App: „Mit der neuen App haben Sie Ihren Arzt immer mit dabei.“

Die Applikation soll den Kunden bzw. Patienten einen einfachen und sicheren Zugang zur telemedizinischen Beratung ermöglichen. Alles, was die Patienten benötigen, ist ein internetfähiges Gerät mit iOS-Betriebssystem, also z.B. Handy oder Tablet, mit dem sie nach Angaben von Medgate sogar Fotos von Haut- und Augenveränderungen aufnehmen und dem beratenden Arzt zuschicken können. In Großbritannien ist der staatliche National Health Service Vorreiter in Sachen telemedizinischer Vernetzung: Er deckt rund 90 Prozent des gesamten Gesundheitsmarktes ab und ist komplett vernetzt. Nahezu jeder an der Gesundheitsversorgung beteiligte Akteur – dazu gehören auch die Apotheken – kann auf die entsprechenden Patientendaten zugreifen.

Ein letztes Beispiel ist das heftig diskutierte britische Online-Portal Dr.Ed. In der virtuellen Praxis tummeln sich v.a. Patienten, deren Problem bzw. Erkrankung im Bereich Frauen- und Männergesundheit oder Sexualität angesiedelt ist, alles Themen, die man eher ungern mit dem Hausarzt bespricht.

Voraussetzung für solch eine flächendeckende telemedizinische Versorgung ist aber auch eine leistungsfähige Internetinfrastruktur: Was nutzen hochauflösende digitale Patientenbilder und -daten, wenn es auf dem Land – wo bekanntlich noch immer nicht überall eine ausreichende Up- und Downloadgeschwindigkeit gewährleistet werden kann – an ihrer Übertragung krankt?

Fazit
Technisch ist Deutschland für den Ausbau der telemedizinischen Versorgung gerüstet. Noch stehen das Problem der verbotenen Ferndiagnostik sowie eines fehlenden Gebührenschlüssels für telemedizinischer Arztleistungen im Raum, Haftungsund Datenschutzgrundlagen sind nicht ausgearbeitet.

Die Bundesregierung würde also gut daran tun, sich mit den entsprechenden Ärzteverbänden und Krankenkassen zusammenzusetzen, wenn sie nicht will, das Deutschland im Bereich der Telemedizin abgehängt wird.

 

Pro & Contra Ferndiagnostik


Wolfgang Loos,
geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin,
Kontakt: w.loos@dgtelemed.de

„Missverständnisse entstehen aber nach wie vor durch das sogenannte Fernbehandlungsverbot [...].“
Wolfgang Loos

Telemedizin überwindet räumliche Distanzen durch Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien: Ärztliche Expertise ist damit standortunabhängig und weltweit verfügbar. Vorteile ergeben sich damit v.a. für ländliche Regionen, in denen in den nächsten Jahren Ärzte fehlen werden und der Weg zum Facharzt weiter werden wird.

Telemedizin aber darf und wird ärztliche Expertise nicht ersetzen, sondern muss gerade in strukturschwachen Gebieten Anwendung finden, wo ärztliche Kompetenz nicht vorhanden ist, aber benötigt wird. Telemedizin ist aus dem medizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken: Telemedizinische Schlaganfall- und Radiologienetzwerke haben sich in Bundesländern etabliert, Telemonitoring v.a. von chronisch Kranken wird erfolgreich eingesetzt; schließlich wird mit der elektronischen Gesundheitskarte auch die dringend nötige Telematikinfrastruktur kommen. Missverständnisse entstehen aber nach wie vor durch das sogenannte Fernbehandlungsverbot, das letztlich nur als ein „Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung“ zu verstehen ist. Es soll sicherstellen, dass Diagnostik und Behandlung in persönlichem Kontakt erfolgen. Rechtliche Grundlage ist § 7, Absatz 4 der Berufsordnung Ärzte. Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin vertritt den Standpunkt, dass es längst überfällig ist, diese Regelung der aktuellen Entwicklung anzupassen.

Die Bundespolitik hat das offensichtlich erkannt und zunächst entsprechende gesetzliche Regelungen verabschiedet bzw. im Koalitionsvertrag Ziele zur Förderung von Telemedizin v.a. in ländlichen Regionen verankert. Diagnostik, Konsile, Konsultationen mittels Telemedizin werden in absehbarer Zeit auch in Deutschland Alltag werden.


Dr. Roland Stahl,
Dezernat Kommunikation der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV),
Kontakt: RStahl@kbv.de

„Verlockungen schneller und bequemer Lösungen per Datenfernübertragung sollte also widerstanden werden.“
Dr. Roland Stahl

Keine Frage: Telemedizin kann die Arbeit der niedergelassenen Ärzte unterstützen und nützlich für die Patienten sein. Die Betonung liegt auf „kann“, denn ein automatischer Selbstläufer ist Telemedizin nicht.

Eine Untersuchung der Bremer Krankenkasse hkk von Mitte November 2013 kam sogar zu dem Schluss, dass der „mittel- bis langfristige gesundheitliche und wirtschaftliche Nutzen von Telemedizin derzeit überschätzt“ werde. Die Ergebnisse legten nahe, dass wesentlich weniger Patienten einen Zusatznutzen aus der Telemedizin ziehen als bisher meist vermutet, hieß es weiter.

Völlig unkritisch sollte man also bei den Möglichkeiten der neuen Technik nicht sein. Das gilt erst recht beim Thema Ferndiagnosen via Telemedizin. Denn ein Arzt muss den Patienten sehen und ihn untersuchen können, bevor er eine Diagnose stellt.

Eine Beschreibung des Zustands durch den Patienten per E-Mail kann und darf einen persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Nur im persönlichen Kontakt kann der Arzt alle Eventualitäten abklären, denn jeder Patient ist anders, hat seine eigene Vorgeschichte – Schablonenpatienten gibt es nicht.

Es gilt also sinnvoll abzuwägen, wo Telematik hilfreich eingesetzt werden kann. Verlockungen schneller und bequemer Lösungen per Datenfernübertragung sollte also widerstanden werden. Denn das bringt dem Patienten keinen Nutzen, nicht umsonst ist hier das ärztliche Berufsrecht eindeutig.