Presse

EDiMed Guideline , Seiten 22-23

"Effizienzbewertung von Dienstleistungskonfigurationen in der Telemedizin"

Florian Leppert – Universität Bielefeld – und Tobias F. Langkau – Georg-August-Universität Göttingen – im Gespräch mit Wolfgang Loos

Herausforderungen und Potenziale bei der Einführung telemedizinischer Behandlungsformen

Herr Wolfgang Loos hat Politikwissenschaft studiert. Seit 2005 ist er Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin e. V. (DGTelemed) mit Sitz in Berlin. Darüber hinaus ist er Geschäftsführer der MCALL GmbH Marketing & Vertrieb, Werneuchen.Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin e.V. ist eine bundesweite Vereinigung zur Förderung, Verbreitung, Markteinführung und Publizierung moderner, innovativer Entwicklungen, Lösungen und Produkte in der Telemedizin. Sie will dazu beitragen, das Wissen über die vielfältigen Möglichkeiten von Telemedizin und eHealth in Organisationen der Gesundheitsversorgung, in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu erweitern und die Zusammenarbeit der Akteure im Interesse einer optimalen Gesundheitsversorgung zu fördern.

Ist die Telemedizin (wirklich) eine Lösung für Einsparungen in unserem Gesundheitssystem?

Ich glaube, das kann man nicht einfach generell positiv beantworten. Denn Telemedizin bedeutet zunächst nichts anderes, als durch Nutzung neuer Kommunikationstechnologie Distanzen zu überwinden. Das heißt, ich bringe ärztliche Expertise an einen Ort, wo sie gebraucht, aber nicht vorhanden ist. Ich
übertrage beispielsweise Bilder und Daten. Es wird niemals die „eine“ Telemedizin bzw. die eine Fachdisziplin Telemedizin geben. Telemedizin kommt in verschiedenen Facetten, in unterschiedlichen medizinischen Fachdisziplinen zum Einsatz. Man kann und darf nicht bei allen Anwendungsmöglichkeiten immer nur auf die wirtschaftliche Einsparung für unser Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft fokussieren.

Können Sie dies an einem Beispiel erläutern? Welche Dimension oder Perspektive sollte neben der wirtschaftlichen Bewertung unbedingt berücksichtigt werden?

Es gibt Studien und wissenschaftliche Arbeiten, bei denen man untersucht hat, ob telemedizinische Lösungen Einsparungen ermöglichen. Allerdings wurden viele Studien oft in Größenordnungen durchgeführt, die nicht hinreichend waren, um vor dem Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) zu bestehen. Hier wurden mal 40 Personen, mal 100 Personen für ein halbes oder ein Jahr in eine Studie eingeschlossen. Im Projekt TEMPiS (red. Anm.: Telemedizinisches Projekt zur integrierten Schlaganfallversorgung in der Region Süd-Ost-Bayern) wurde eine wissenschaftlich begleitete Studie durchgeführt. Man hat ein Jahr lang Schlaganfälle in Kliniken, die dem TEMPiS-Projekt angeschlossen waren, mit regionalen Kliniken verglichen. Dabei wurde festgestellt, dass die dem TEMPiS-Projekt angeschlossenen Kliniken, eine bessere medizinische Versorgung garantieren. Die höheren Investitionskosten in Technologie und Mitarbeiterentwicklung zur Ermöglichung einer telemedizinischen Schlaganfallversorgung, haben zu einer Verringerung der Pflegekosten geführt, da die Schlaganfallpatienten besser – d. h. bei diesem Krankheitsbild insb. schneller und richtig – versorgt wurden. Die Summe der Kosten, die von Kranken- und Pflegekassen zu tragen sind, ist in den beiden Szenarien der Regelversorgung mit und ohne Einsatz von Telemedizin beinahe gleich. Die Lebensqualität des Patienten ist bei der telemedizinischen Versorgung jedoch wesentlich höher. Anhand des TEMPiS-Beispiels sieht man, dass die Bewertungsdimension „Kosten“ kein alleiniges Entscheidungskriterium für oder gegen den Einsatz von Telemedizin sein kann, sondern bspw. die Lebensqualität des Patienten berücksichtigt werden muss.

Inwieweit schätzen Sie es als realistisch ein, dass Hersteller und Dienstleister in der Telemedizin der Verfahrensordnung zur Erprobungsregelung des G-BA folgend einen „angemessenen Beitrag“ zur Erprobung innovativer Behandlungsverfahren der Telemedizin leisten können? Insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele Hersteller und Dienstleister kleine und mittelständische Unternehmen sind?

Die Diskussion über die Angemessenheit der finanziellen Beteiligung der Antragsteller ist von großer Bedeutung. Die Krankenkassen zahlen nur den Teil innerhalb des Antragsprozesses, der notwendig ist zur Behandlung der in einer Studie eingeschlossenen Patienten. Den Rest muss der Antragsteller zahlen. Das können viele kleine und mittelständische Unternehmen – die hoch innovativ sind und tolle Medizintechnik entwickeln – in Deutschland nicht leisten. Dabei ist es egal wie innovativ, gut und geeignet die Technologie die Medizin und ihre Prozesse unterstützen könnte. Weder die personellen noch die finanziellen Ressourcen sind i.d.R. bei KMUs gegeben, um einen solchen iterativen Antragsprozess – der bis zu mehrere Jahre lang dauern kann – erfolgreich durchzustehen.

Welche Maßnahmen werden Ihrerseits – oder generell von Seiten der Verbände – getroffen, um eine Änderung dieser Situation innerhalb der Antragsprozesse herbeizuführen?

Seit Jahren versuchen wir als Verband in Gesprächen Überlegungen anzustoßen, die die derzeitige Projektförderungsmanie der Ministerien verändert. Hier muss ein Umdenken stattfinden, dass sich die unterschiedlichen Ministerien (z. B. Wirtschafts-, Gesundheits- und Forschungsministerium) gemeinsam an einen Tisch setzen und nicht konkurrierend, sondern inhaltlich gemeinsame Projekte ausschreiben. Dies sollten die Ministerien gemeinschaftlich tun, Ziele und Rahmenbedingungen für innovative Projekte definieren und dabei verstärkt auf kleine und mittelständische Unternehmen fokussieren und diese bei Eignung fördern. Dabei sollten KMUs gefördert werden, die mit wissenschaftlichen Einrichtungen (insb. Hochschulen) kooperieren und sich bzgl. der Durchführung qualitativ hochwertiger und klinisch-wissenschaftlicher Studien begleiten lassen. Würde dieses Umdenken stattfinden, hätte man die Chance, dass ein strukturiertes Portfolio an Projekten gefördert wird, Gelder gezielter eingesetzt werden, KMUs eine reale Chance bekommen ihr Know-how sowie die davon abgeleitete Innovation zur Marktreife zu führen und gleichzeitig den wissenschaftlichen Qualitätsansprüchen Genüge zu tun. Auch die Forschung unserer Hochschulen würde dadurch noch zielgerichteter gefördert werden. Ziel des Antragsprozesses ist es jedoch die Qualität der medizinischen Versorgung sicherzustellen. In Deutschland finden Sie keine Norm – nicht einmal ein Dokument oder ein Konzept – in der die Qualitätsanforderungen an eine generische Telemedizinanwendung definiert sind. Das wollen wir innerhalb einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung nun ändern. Dabei
folgen wir dem Beispiel der deutschen Schlaganfall-Gesellschaft, die diese Anforderungen speziell für den Schlaganfall mit einem Anforderungs- und Voraussetzungskatalog gelöst hat.

Sind KMUs denn überhaupt geeignet, um Projekte in der Telemedizin zu entwickeln oder zu begleiten?

Kleine und mittelständische Unternehmen sind auf jeden Fall dafür geeignet, Projekte in diesem Bereich durchzuführen. Nehmen wir das zuvor genannte TEMPiS-Projekt als Beispiel. Hier hat ein kleines Brandenburger Unternehmen den gesamten Projektverbund und die Kliniken technisch und technologisch ausgestattet. Heute transferiert das Unternehmen sein Know-how und seine Produkte weltweit. Das zeigt, dass deutsche Medizintechnik innovativ ist und ein „Exportschlager“ sein kann – auch losgelöst von der Unternehmensgröße. Die deutschen Innovationen dieser Domäne sind wettbewerbsfähig. Aber unsere eigenen nationalen Prozesse, zur Überführung dieser neuartigen Technologien in den Regelbetrieb, dauern zu lange.

Welche Erwartungen hatten Sie daher an die Erprobungsregelung, die im § 137 e SGB V verankert ist?

Ich hatte eigentlich höhere Erwartungen. Nachdem ich an der Informationsveranstaltung des G-BA zur Erprobungsregelung im April teilgenommen habe, musste ich meine Erwartungen leider nach unten korrigieren. Auch die Überprüfung des EBM-Kataloges zum 30.03.13 schreitet nicht wie gewünscht voran. Der paritätisch besetzte Bewertungsausschuss handelt vollkommen autark. Es fehlt an Transparenz über die Sitzungen und es gibt auch niemanden, der in diese Strukturen und Prozesse eingreifen kann. Noch bekommen nicht einmal die wesentlichen Institutionen, wie das Bundesgesundheitsministerium oder die Bundesärztekammer, ausreichende Informationen aus diesem Gremium. Das ist meiner Meinung nach nicht zielführend. Hier muss eine Korrektur dieser Strukturen und Abläufe stattfinden.

Was wäre aus Ihrer Sicht die optimale Finanzierungform für eine Technologie wie die Telemedizin, die eigentlich das Spannungsfeld der unterschiedlichen Sektorenfinanzierungüberwinden soll?

Auch hier kann ich keine umfassende Antwort geben, sondern nur an Beispielen aufzeigen, was wir zukünftig bei der Finanzierung besser machen sollten und was wir unbedingt berücksichtigen müssen. Gehen wir von einer Telemonitoringanwendung aus: Wie soll bei dieser Anwendung die Kostenpauschale für die ärztliche Leistung zur Betreuung des Patienten aussehen? Wie die Zahlung für die Datenauswertung oder die Geräteentwicklung? Wer bezahlt das Gerät, dass der Patient nach
Hause bekommt?

Wir haben also einmal das Problem, Kosten zu bewerten und bspw. einzelnen Prozessschritten zurechenbar zu machen und auf der anderen Seite die Fragestellung, wer den Nutzen hat (Arzt, Patient) und welcher Nutzer in welcher Form die Anwendung finanziert.

Es gibt bereits einzelne Erstattungsmöglichkeiten: Das DIMDI hat für das Telekonsil beim Schlaganfall 1000 € festgelegt. In einer Einigung der andeskrankenhausgesellschaft Sachsen im Jahr 2008, die durch alle Krankenkassen bestätigt wurde, konnte das Telekonsil abgerechnet und damit diese Behandlungsmethode bereits 2008 in die regionale Regelversorgung überführt werden. Klar muss allen Beteiligten sein, dass eine Leistung auch dem Arzt etwas kosten wird, wenn er einen Nutzen davon trägt. In TEMPiS wurde das dank der guten wissenschaftlichen Studienarbeiten gelöst, die den verschiedenen Interessensgruppen ihren jeweiligen Nutzen transparent darstellen konnte.

Was sehen sie neben der Finanzierung als weitere Hürde an, die eine Einführung der Telemedizin verhindert oder verlangsamt?

Ein Problem ist sicherlich auch die Nutzerakzeptanz der Telemedizin. Und dabei verstehe ich als Nutzer nicht nur den Patienten, sondern auch insbesondere den Arzt. Ist dieser nicht von der telemedizinischen Behandlung überzeugt, wird er sie nicht anwenden und ggf. auch seinem Patienten von dieser Behandlungsform abraten. Es ist daher wichtig, dass auch Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird. Alle Nutzergruppen müssen vollständig informiert werden über die Chancen (ggf. Steigerung Lebensqualität) und Risiken (ggf. Datenschutz/Auslagerung personenbezogener Daten zu IT-Dienstleistern), die sich durch den Einsatz einer neuen innovativen Behandlungsform ergeben. Dabei ist es auch von großer Bedeutung, dass die zum Einsatz kommende Technologie transparent dargestellt wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

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