Presse - Januar 2016

mt medizintechnik, Ausgabe 1.2016 Seiten 39-40

10 Jahre DGTelemed – was ist passiert/was bleibt?

Autorin: Mirjam Bauer

Für eilige Leser. Zehn Personen gründeten vor zehn Jahren die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin, heute sind es 135 Mitglieder. Die bundesweite Vereinigung zur Förderung, Verbreitung, Markteinführung und Publizierung moderner, innovativer Entwicklungen, Lösungen und Produkte in der Telemedizin versteht sich als Forum für Kommunikation, Diskussion und Interessenvertretung in Deutschland und Europa.

So begann der Kongress im November auch mit den Grußworten des Präsidenten der französischen „Association Nationale de Télémédecine“, der sich für vier Jahre fruchtbare Partnerschaft bedankte. Die Sessions „Politik und Selbstverwaltung“, „Patient und Telemedizin“ sowie „Evaluation, Qualität und Forschung“ standen am ersten Tag auf der Agenda. Am Folgetag wurde „Gesundheit als App?“ diskutiert und der „Dialog mit Fachgesellschaften“ aufrechterhalten, zuletzt stellten Ärzte und Industrie „aktuelle Projekte in der Telemedizin“ vor. Den mit 5000 € dotierten Telemedizinpreis erhielten am Abend des ersten Tages drei Notfallmediziner des Aachener Universitätsklinikums, die sich mit ihrem holistischen Tele-Notarztsystem in der Routineversorgung gegen elf andere Einreichungen durchgesetzt hatten.

Das System nutzt moderne Informationsund Kommunikationstechnologien im Rettungsdienst, um den Einsatz von Notärzten zu optimieren und die Qualität der notärztlichen Versorgung zu steigern. Rettungsassistenten oder Sanitäter schalten kurz nach Eintreffen an der Unfallstelle den Telenotarzt per Knopfdruck zu. So kann dieser die Untersuchung des Patienten steuern und Diagnostik sowie weitere Maßnahmen einleiten. Durch die eingesparte Fahrzeit kann der Telenotarzt drei- bis viermal so viele Einsätze durchführen wie ein traditionell eingesetzter Notarzt. Das vollständige Versorgungskonzept ist rechtlich geprüft; standardisierte Handlungsabläufe haben nachweislich die Qualität und Behandlung verbessert.

Dr. Karsten Neumann, Geschäftsführer und Bereichsleiter Krankenversicherung des IGES Instituts, Berlin, sieht im Innovationsfonds noch offene Fragen zur Ausgestaltung, beispielsweise zum Zeitplan, zu förderwürdigen Leistungen, Übertragbarkeit, Projektgröße, Themenvorauswahl und der Rolle der Telematik. Ein Evaluationskonzept sollte von Anfang an bedacht werden, zahlreiche Partner – auch die Technik – sollten so früh wie möglich mit einbezogen werden.

Die Anhörung zum E-Health-Gesetz hatte am Vortag gezeigt, so Prof. Dr. Britta Böckmann, FH Dortmund und Vorsitzende im wissenschaftlichen Beirat der DGTelemed, dass die Politik zwar gelernt habe, aber trotzdem noch vieles fehle. Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Hans-Jochen Brauns mahnte unter anderem die verfassungsmäßig geregelte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse an, telemedizinische Versorgung darf nicht vom Bundesland abhängen. Ferner sollten die Einschränkungen durch das Fernbehandlungsverbotes abgeschafft werden. Rainer Beckers, Geschäftsführer des Zentrums für Telemedizin und Telematik (ZTG), Bochum: „Die Stufen zur Vergütung der Telemedizin – Berücksichtigung von Studien, Evaluationsmethodik, Zuständigkeit und Nutzenbewertung – sind viel zu langsam für den schnellen technischen Fortschritt.“ Katrin Arnold und Madlen Scheibe, Zentrum für evidenzbasierte Gesundheitsversorgung, Dresden, bestätigten diese Aussagen nach Studien für die CCS Telehealth Plattform Ostsachen: „Die Evaluation der Telemedizin ist noch defizitär und in heterogener Qualität, es gibt keine evidenz- und konsensbasierten Grundsätze.“

Laut Dr. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundesärztekammer und Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein, Flensburg, gibt es keine einheitliche Sicht der Ärzte auf die Telemedizin. Ärztliche Kommunikation kann jedoch Versorgungslücken schließen. Evidenz, Rahmenbedingungen und Finanzierung sind dabei noch zu klären. Nahezu jedes medizinische Fachgebiet kann mit Telemedizin ergänzt werden.

Die effektive Vernetzung ist der Schlüssel zum Erfolg, so Günter van Aalst, Techniker Krankenkasse. Der Nutzen der Vernetzung muss jedoch vom Patienten eingefordert, das Handeln also von ihm aus gedacht werden, um sektorenübergreifende Versorgung zu erreichen. Unzählige Apps im Gesundheitsbereich bestätigen diese Aussage. „Internetmedizin ist weit mehr, als wir zu denken geglaubt haben: Information, Diagnostik und Therapie“, so Christian Lautner, Geschäftsführer flyinghealth, Start-up-Begleitagentur. Er sieht die Mayo-Klinik, USA, als Vorbild, die für das Jahr 2020 circa 200 Millionen Fallzahlen plant, auch aufgrund ihrer Präsenz in den sozialen Medien.

Neu vorgestellt wurden unter anderen ein mobiles Tele-Augenkonsil, das die augenheilkundliche Versorgung auf dem Land und in Altenheimen verbessert; die telemedizinische Nachsorge bei Nierentransplantationen – mit dem Ergebnis, dass frühe Behandlung Kosten spart –, und die Videosprechstunde „Arztkonsultation.de“ mit oberarzttauglicher Bedienbarkeit und gesichertem Datenschutz.

Die Patienten stehen der Telemedizin aufgeschlossen gegenüber. Sie sind zufrieden mit Zuwendung, Gesprächsdauer und der sozialen Komponente, die ebenso gegeben ist wie im direkten, persönlichen Kontakt. Die Arzt-Patient-Beziehung bleibt stabil, die Patienten fühlen sich ernstgenommen, so eine explorative Untersuchung des Instituts für Arbeit und Technik des FSP, Gesundheitswirtschaft und Lebensqualität Gelsenkirchen, vorgestellt von Denise Becka.

Rückblickend auf die Vorträge bewertete Prof.Dr. Brauns die Entwicklung der Telemedizin-Infrastruktur optimistisch. Er freute sich über die Vorstellung vieler neuer Projektideen – und unterstrich die anhaltenden Herausforderungen bei der Evaluation. Die Steigerung der Lebensqualität durch Telemedizin liegt jedoch auf der Hand, so Brauns: Patienten vermeiden Logistikaufwand und gewinnen unter anderem Zeit. Im nächsten Jahr vom 3. bis 4. November wird der siebte Fachkongress Telemedizin zeigen, wie sich diese Disziplin weiterentwickelt hat.