Presse - Januar 2016

E-HEALTH-COM 01 2016, Seiten 52-53

ENGAGIERT FÜR TELEMEDIZIN

Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) ist zehn geworden. Sie hat sich zu einem wichtigen Stichwortgeber für telemedizinische Debatten entwickelt und sorgt für eine bessere Verständigung zwischen Tele-Menschen und Medizin-Menschen.

Medizinische Fachgesellschaften werden von Ärzten gegründet und haben Ärzte als Mitglieder. Branchenverbände werden von Industrieunternehmen aus der Taufe gehoben, und die Mitgliedsbeiträge kommen von Firmenkonten. Die DGTelemed passte noch nie gut in dieses vertraute Raster. Sie trägt die Medizin im Namen, ist aber keine Fachgesellschaft in dem Sinne, dass sie ein etabliertes medizinisches Fach vertreten würde. Umgekehrt sind Unternehmen zwar unverzichtbare Beitragszahler und Kongress-Sponsoren. Aber schon die Tatsache, dass lediglich 14 Prozent der DGTelemed-Mitgliedschaften Firmenmitgliedschaften sind, zeigt, dass wir es definitiv auch nicht mit einem klassischen Industrieverband zu tun haben.

Doch was ist die DGTelemed dann? Seit ihrer Gründung im Dezember 2005 ist sie ein Zwitter im besten Sinn des Wortes, angesiedelt irgendwo zwischen einem Verein Gleichgesinnter, einem Branchenverband, einer Lobbygruppe und einer Fachgesellschaft. Sie wird getragen von dem langjährigen Engagement einzelner Personen. Ihr Rückgrat sind weniger die 14 Prozent Firmenmitglieder und auch gar nicht so sehr die acht Prozent wissenschaftliche Einrichtungen, Behörden und Verbände, sondern vielmehr die 78 Prozent Einzelmitglieder, ein bunter Haufen von Ärzten, Wissenschaftlern, Technikern, Beratern, Medienschaffenden und anderen Interessierten, denen die Telemedizin in Deutschland am Herzen liegt.

Wäre die DGTelemed ein Einzelhändler, dann hätten Unternehmensberater in Existenzgründer-Workshops von einer solchen Gründung vermutlich abgeraten. Dass die Gesellschaft jetzt das Teenager-Alter erreicht, gibt den elf Gründern um Hans-Jochen Brauns, Gerhard W. Meyer, Wolfgang Loos und Hans Weber nachträglich recht. Die Telemedizin ist ein Zukunftsmodell der medizinischen Versorgung, aber sie hat es als Querschnittsfach schwer, in einer von Partikularinteressen geprägten Versorgungslandschaft angemessen wahrgenommen zu werden. Was für die Telemedizin ein Problem war und ist, wurde für die DGTelemed ironischerweise ein Glücksfall: Sie wird gebraucht, als Plattform des Austauschs und als gemeinsames Sprachrohr bei Fragen, die nicht nur einzelne Fachgebiete oder Versorgungssektoren betreffen, sondern von übergreifender Bedeutung sind.

Beide Funktionen, die einer Plattform und die eines Sprachrohrs, hat die DGTelemed in den letzten Jahren mit Leben erfüllt. Ganz vorne steht dabei die Ausrichtung des Jahreskongresses der DGTelemed („Nationaler Fachkongress Telemedizin“), der unmittelbar nach der Gründung im Jahr 2006 als „Erste Fachtagung der DGTelemed“ seinen Anfang nahm. Der Kongress hatte es nicht einfacher als die Telemedizin selbst. Allianzen wurden eingegangen und wieder gelöst. Aber durch alle Wirren hindurch hat sich die Veranstaltung etabliert und bringt regelmäßig im Herbst rund 300 Interessierte in Berlin zusammen, ergänzt um eine kleine, aber stets feine Industrieausstellung.

MEHR NOCH: IM FÖDERAL strukturierten deutschen Gesundheitswesen hat der Kongress sogar Nachwuchs produziert, bester Beleg dafür, dass in der Telemedizin nicht mehr nur theoretisiert, sondern konkret, und das heißt bei der Telemedizin in der Regel auf regionaler Ebene, umgesetzt wird. Seit 2011 trifft sich die bayerische Telemedizinszene einmal im Jahr zu der von der DGTelemed mitveranstalteten Telemedizin-Fachtagung Bayern, deren Teilnehmerzahlen zuletzt kontinuierlich gestiegen sind. Gleiches gilt für die seit 2011 stattfindende Frühjahrstagung Telemedizin.

Großes Verdienst der DGTelemed-Kongresse und insbesondere der Jahrestagung ist die Einbindung der „echten“ medizinischen Fachgesellschaften, beispielsweise der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie oder der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Das fand als eigener Programmpunkt zum ersten Mal im Jahr 2009 statt und war zum damaligen Zeitpunkt ein absolutes Novum. Seither sind Fachgesellschaften Stammgäste in Berlin, und noch immer ist der DGTelemed-Jahreskongress einer der wenigen Orte, an denen telemedizinische Fragen von und mit Ärzten über die Fachgrenzen hinweg diskutiert werden.

ENG MIT DEM Jahreskongress verknüpft ist der mit insgesamt 5 000 Euro dotierte Telemedizinpreis, der Institutionen, Einzelpersonen, Projekte oder Initiativen auszeichnet, die sich um die Telemedizin in Deutschland verdient gemacht haben. Durchweg ging der seit 2007 verliehene Preis bisher an innovative Projektgruppen, und nicht wenige der ausgezeichneten Projekte haben sich mittlerweile fest oder relativ fest in der Versorgung etabliert, etwa der Preisträger 2007, Haemoassist (heute: smart medication), der Preisträger 2008, TEMPiS oder der Preisträger 2013, TKmed.

Was die Funktion der DGTelemed als Sprachrohr der Telemedizin in Deutschland angeht, ist zu berücksichtigen, dass bei der recht heterogenen Zusammensetzung der Gesellschaft sicherlich nicht in allen Punkten stets ein vollständiger Konsens erzielt werden kann. Trotzdem konnten zu zahlreichen Anlässen und Gesetzesvorhaben der letzten Jahre Stellungnahmen verfasst werden. Seit 2009 ist die DGTelemed als Verband beim Deutschen Bundestag offiziell registriert.

Zu den grundlegenden Dokumenten, auf die auch heute noch Bezug genommen wird, gehören die im Jahr 2010 im Rahmen eines Positionspapiers formulierten Prinzipien für die Umsetzung telemedizinischer Dienstleistungen im deutschen Gesundheitswesen. Hier finden sich viele Dinge wieder, die seither Konsens geworden sind, etwa die Forderung nach der Einrichtung föderaler Strukturen für die Umsetzung telemedizinischer Dienstleistungen, die Betonung der Bedeutung von Qualitäts- und Prozessstandards sowie die Anregung, Telemedizin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung der medizinischen Fachberufe angemessen zu berücksichtigen.

Zuletzt hat sich die DGTelemed im Sommer 2015 kritisch zum Entwurf des eHealth-Gesetzes geäußert mit dem Hinweis, dass es zwar auf den Aufbau der Telematikinfrastruktur, weniger dagegen auf die Umsetzung telemedizinischer Leistungen ziele. Dass im endgültigen Gesetz jetzt außer dem teleradiologischen Konsil auch noch die Video-Sprechstunde auftaucht und dass die Bundesärztekammer fast zeitgleich das Fernbehandlungsverbot als Begriff abgeschafft und die Bedingungen, unter denen Fernbehandlungen erbracht werden können, deutlich präzisiert hat, das sind Ergebnisse jener oft zähen und langwierigen Überzeugungsprozesse, an denen sich die DGTelemed jetzt seit einem Jahrzehnt beteiligt. Herzlichen Glückwunsch!

Philipp Grätzel von Grätz